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  Reiseberichte
 


Inhalt 

27. Bericht. Dubai/ Vereinigte Arabische Emirate. Irgendwo zwischen Las Vegas, Disney Land, Wüsten und Burkas
26. Bericht. Indien. Der Nordwesten. Himalayjaaa
25. Indien. Die sieben Schwestern. Entweder Du liebst es oder Du hasst es
24. Myanmar. Das Land des goldenen Lächelns
23. Thailand. Ein täglicher Gesichtsverlust
22. Malaysia. Kontraste, Schätze und ölige Geschäfte
21. Singapur. Asien für Anfänger oder der Beginn eines großen Kapitels.
20. Neuseeland. Ein zweites "Haere Mai"
19. Neuseeland. Wo Hobbits Kiwis essen
18. Ecuador. Die Allee der Vulkane
17. Kolumbien. Wo der Dschungel die Anden küsst
16. Panama. Oh wie schön ist Panama
15. Costa Rica. Mit Tukanen auf Tuchfühlung
14. Nicaragua. Staunend vor dem Höllentor
13. Honduras. Porsche und Piraten
12. Belize. Don't move so fast white girl!
11. Mexiko, der Osten. Welcome to the Jungle!
10. Mexiko, das zentrale Hauptland. Durch und durch Mexiko
  9.  Mexiko, Baja California. Es macht die Wüste schön, dass sie irgendwo einen Brunnen birgt.
  8.  USA. Quer durch die Staaten - Good for you
  7.  Kanada. Bezaubert durch Weite und Herzen
  6.  Island. Wenn du dich im isländischen Wald verirrst - steh auf
  5.  Norwegen. Hinter jedem Hügel eine neue Welt
  4.  Schweden. Mehr als nur Ikea
  3.  Dänemark. Wenn dir das Wetter nicht passt, warte zehn Minuten
 
2. Deutschland. Gedanken einer Reisenden
  1.  Deutschland. Und es geht los!

 

27. Bericht. Dubai/ Vereinigte Arabische Emirate
(25.09.- 02.10.2014/ 35.308–35.379 km/ 271.055 – 271.146 hm)

Irgendwo zwischen Las Vegas, Disney Land, Wüsten und Burkas

Unser letzter Flug der Reise ist überstanden und sogar die Räder haben nicht einen Kratzer davongetragen – unsere Methode, keine Fahrradboxen zu nehmen, hat sich ein weiteres Mal bewährt. Bevor wir das erfahren, müssen wir jedoch noch durch die Personenkontrolle. Für Karina ist das kein Problem, doch Jan – tja, der hat immerhin einen seltsamen Bart. Grund genug für die Araber, ihn erst einmal beiseite zu nehmen und mit äußerst ernster Miene genauer unter die Lupe zu nehmen:

„Sagen Sie, rauchen Sie?“fragt die Grenzbeamtin.

„Nein, das ist nicht gut für mich, da ich mit dem Fahrrad um die Welt fahre - da brauche ich eine gute Lunge.“

„Sind sie sicher, dass Sie nicht gerne mal etwas Spezielles rauchen?“

„Nein, wie kommen Sie darauf?“

„…“

„Was ist das?“ Ihre Hände entfalten etwas…

„Ein benutztes Taschentuch…“

„Warum fahren Sie mit dem Fahrrad um die Welt? Was soll das bringen, wenn Sie damit fertig sind?“

„Ich möchte die Welt mit meinen eigenen Augen sehen. Ich mache Erfahrungen, die ich niemals vergessen werde.“

Ihr entfährt ein leichter Seufzer. „Gehen Sie weiter...“

Unsere Räder sind am Flughafen schnell wieder zusammen gebaut – ein weiterer Vorteil, wenn man keine Fahrradboxen verwendet. Zuletzt steckt Jan seine Deutschlandflagge auf sein Rad und wenig später kommen bereits erste Interessierte, die sich nach unserer Nationalität und unseren Plänen erkundigen. Sie sind höflich, zurückhaltend und lächeln - ach ja, wir sind ja gar nicht mehr in Indien…

Auf den ersten Metern vor dem Flughafen fällt uns ein, dass wir gar nicht wissen, auf welche Straßenseite wir müssen. Es ist Rechtsverkehr! Nach über einem Jahr mit fast ausschließlich Linksverkehr fühlt sich allein die Straßenführung schon ein wenig heimatlich an. Zu wissen, dass wir von nun an nur noch mit dem Boot in den Iran übersetzen müssen und dann aller Wahrscheinlich nach bis Deutschland durchradeln können, ist ein erhebendes Gefühl.
Dubais Straßen sind nach den Indischen so glatt, dass wir das Gefühl haben, unsere Räder fahren von selbst. Der Verkehr ist ziemlich schnell, doch alles ist so fließend, so ruhig, so organisiert. Das erste Mal seit Monaten können wir ohne Angst vor einer Abgasvergiftung unsere Atemmasken in den Taschen lassen. Am Wegrand gibt es alle paar Kilometer silberne Apparate, an denen wir uns eiskaltes Trinkwasser abfüllen können – in den letzten Monaten mussten wir das mühsam mit unserem Wasserfilter erledigen. Zwar brennt die Sonne am wolkenlosem Himmel unerbittlich auf uns nieder und wir spüren die Übermüdung nach dem Flug, dochtrotzdem fühlen wir uns beschwingt. Nervös ist Jan dennoch, da er sein 65kg schweres Fahrrad nahezu ohne Bremskraft fahren muss. In den Bergen des Himalayas versagte ihm nach drei Jahren zuverlässigen Diensteszuerst die eine Öldruckbremse, nun verliert seit einigen Wochen auch die Zweite mehr Öl als eine Frittenbude im Schwimmbad.

Unser heutiges Ziel sind Verwandte von Freunden, die uns wunderbarerweise bei sich aufnehmen, um uns das Hotel zu ersparen. Dubai hat zwar viele Vorzüge, jedoch nur, wenn das Portemonnaie entsprechend gefüllt ist. Auch bei einem Blick in ein Café, in welchem wir kurz darüber nachdenken zu frühstücken, müssen wir lernen, dass in dieser Hinsicht Indien deutlichbesser zu unserem Budget passte. Diese Gedanken sind allerdings sofort weggeblasen, als wir das erste Mal seit einem Jahr einen nach deutschen Verhältnissen normalen Supermarkt sehen. Nach einem zweistündigen Beutegang sitzen wir vor unseren neu erworbenen Lebensmittelschätzen wie Gollum vor seinem Ring und beißen strahlend von unseren Käsebroten ab.
Die immerhin 50 Kilometer durch Dubai bis zu unserem Ziel ziehen sich dank der Übermüdung. Doch wenn neben uns Gebäude wie das einzige sechs Sterne Hotel der Welt, das „Burj Al Arab“,erscheinen oderwir an einer menschengemachten Insel in Palmenform vorbeifahren, ist auch das zu überstehen.Wenn uns auch sonst eher das Schauspiel der Natur beeindruckt, staunen wirhier über die Kreativität der Architektur.
Ganz unarabisch werden wir am Ziel von unseren deutsch-indischen Gastgebern mit einem kühlen Bier in Gesellschaft anderer Europäer aus der Nachbarschaft empfangen. Im Gegensatz zu den Nachbarländern und selbst anderen Emiraten sind hier die Regeln,besonders für Ausländer, weniger eng.

Während wir in unserem neuen Heim die angenehme Gesellschaft unserer Gastgeber genießend, finden wir Zeit, die wie so oft mal wieder liegen gebliebene Schreibarbeit ein wenig nachzuholen. Hoffnungsvoll erwarten wir zudem ein prall mit Ersatzteilen gefülltes Paket aus Deutschland, zu allererst jedoch Jans neue Bremsen, ohne die er nicht einen Kilometer weiter fahren kann. Doch was die Post in Deutschland ist, hat mit dem Lieferservice hierzulande nichts gemein. Aufgrund der angegebenen Privatadresse und keiner Postbox wird unser so sehnlichst erwartetes Paket direkt am Flughafen, ohne auch nur einen Tag gelagert zu werden, zurück an den Absender geschickt. Wir lernen viel auf unserer Reise, manchmal eben auch schmerzlich…Einer glücklichen Fügung, vor allem aber unseren Gastgebern, verdanken wirden Kontakt zu einem deutschen Fahrradgeschäft in Dubai, dasmit den Spezialbremsen dienen kann. Zu allem Überfluss reihen sich unsere neuen Freunde spontan in unsere Sponsorenliste ein und übernehmen großzügig die Kosten.

Dank der gleichen Großherzigkeit erleben wir zwei weitere Highlights in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Auf zu Anfang erwähnter Palmeninsel besuchen wir gemeinsam „Atlantis“, wo wir nicht nur ein gigantisches Aquarium voller Meereslebewesen vorfinden, sondern auch das wohl vielseitigste Buffetunseres Lebens. Um nicht ganz wie Marsmenschen bzw.fehlplatzierte Langzeitfahrradreisende in einem Luxusrestaurantauszusehen- was in etwa das Gleiche ist - wurdezumindest Karina zuvor aus ihren Radlerhosen gezogen und in ein Abendkleid gesteckt – Aschenputtel wäre vor Neid erblasst…
Damit nicht genug, werden wir einige Tage später mit einer Wüstensafari überrascht. Ein professioneller Fahrer sorgt dafür, dass mir ausnahmsweise mal schneller als auf den Rädern vorankommen. So springen wir über die vielfarbigen Dünen dem Sonnenuntergang entgegen, während wir mehr als einmal fürchten,mit unserem Geländewagen kopfüber im Sand zu enden. Die gelungene Überraschung beenden ein typisch arabisches Essen in einer alten Wüstenfestung, ein sich im Kreise drehender Derwisch, die obligatorische Bauchtänzerin, Hennabemalung und eine gemütliche Wasserpfeife unter Sternen.

Bei bis zu 50°C im Sommer ist es nachzuvollziehen, dass gewöhnliche Spaziergänge hierzulande in eine der unzähligen ShoppingMalls verlegt werden. In einer der größten der Welt, der Dubai Mall, nehmen wir uns einige Stunden zur Besichtigung der kunstvoll angelegten Anlage, die uns ein wenig an die Hotels in Las Vegas erinnert. Natürlich lassen wir uns nicht die am Abend zu spritziger arabischer Musik tanzenden Wasserfontänen vor dem Gebäude im Schatten des mit 828 mderzeit höchsten Gebäudes der Welt, dem Burj Khalifa, entgehen.
Der eigentliche Grund unseres Aufenthaltes in Dubai ist das iranische Konsulat, bei dem wir nach vorherigem Kontakt mit einem iranischen Reisebüro unser Visumbeantragen dürfen. Hier bekommt Karina einen ersten Eindruck, was sie in wenigen Tagen für einige Monate erwarten wird: denn Verschleierung ist im Iran auch für Ausländer Pflicht.

Nach einer ereignisreichen Woche verabschieden wir uns von unseren neu gewonnenen Freunden und radeln zwischen unzähligen Wolkenkratzern als einzige Fahrradfahrer nordwärts, der iranischen Fähre entgegen. Diese wird uns in einer Nacht über die Straße von Hormus zum Hafen von Bandar Abbas in das mehrere tausend Jahre alte Perserreich bringen.

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26. Bericht. Indien. Der Nordwesten
(15.07. - 25.09.2014/ 33.329 - 35.308 km/ 250.694 - 271.055 hm)

Himalayjaaa

Nach mehreren Monatenim Osten Indiens finden wir uns in einem Hotel Neu Delhis wieder, in dem wir nach langer Zeit endlich wieder zur Ruhe kommen. Erschrocken wird uns bewusst,welche Gründe dafür verantwortlich sind: wir haben rigoros Indien ausgeschlossen, boykottieren größtenteils das indische Essen und haben selbst das Wetter mithilfe einer Klimaanlage verbannt, auf die wir sonst verzichten.Es wird dringend Zeit, dass wir uns einem ordentlichen „Tapetenwechsel“ unterziehen!
Notwendige Wartungsarbeiten an unseren Rädern und die Sisyphusarbeit, in einer großen und chaotischen Stadt wie dieser neue Reifen und nach Jans Unfall einen neuen Sattel zu finden, halten uns noch einige Tage fest. Nachdem Jan auf Ersatzteiljagd erlebt hat, wie es ist, in einem Stau aus Rikschas selbst mit dem Fahrrad für eine Stunde festzustecken, dem Ergattern der einzigen zwei hochwertigen Tourenreifen der Stadt, einem frisch eingetroffenen chinesischen Sattel und viel Schraubarbeit an den Rädern, brechen wir mit dem Zug gen Norden auf. Unser Plan ist es, von den Staaten Jammu und Kaschmir über Ladakh nach Himachal Pradesh und zurück nach Neu Delhi zu fahren. Auf unserem Weg liegen die höchsten Pässe der Welt außerhalb Tibets, eine Kultur, die sich grundlegend vom restlichen Indien unterscheidet und eine Landschaft, die uns andere Radreisende als schönste Radstrecke der Welt beschrieben haben.
Imnoch hinduistischen Jammu, der Winterhauptstadt des Staates Jammu und Kaschmir, steigen wir auf unsere Räder und beginnen, von nun an Tag für Tag Höhenmeter zu sammeln. Jan fährt seit Neustem mit nur noch einer Öldruckbremse, da seine zweite nach dreijährigem Dienst entschieden hat, in Ruhestand zu treten. Ersatzteile haben wir natürlich mit, für sein Problem gibt es jedoch erst in Europa wieder Hilfe…
Zuerst unterscheidet sich die Landschaft wenig vom bisher Erlebten. Mit steigender Höhe bessert sich jedoch das Klima und anstelle von Menschen beobachten uns nun unzählige Makaken neben der Straße.

Unser Eingangsportal in die muslimische Welt bildet der Kaschmirtunnel, welcher extra für uns einige Minuten gesperrt wird, um uns eine sichere Durchfahrt zu gewähren.Wenig später blicken wir auf ein grünes Tal herab, das in Indien berühmt für seinen Safran, Nüsse und Früchte gemäßigter Zonen ist. Heilige Kühe verirren sich besser nicht hierher, denn Kaschmir ist der einzige Ort in Indien, an dem allerhöchstens ihr Nährwert geheiligt wird. Auch sonst weisen etliche Anzeichen auf den Unterschied zum Rest Indiens – kein Wunder, dass es hier, wie jedoch auch in vielen anderen Randstaaten, eine starke Unabhängigkeitsbewegung gibt. Die Menschen mit ihren grünen, blauenoder karamellfarbenen Augen und auch ihre Kultur erinnern eher an Afghanistan oder Pakistan. Auch politisch bemerken wir eine Veränderung: immer wieder lesen wir Schriftzüge, wie „Save Gaza“ oder hören von Hotelbesitzern, die keine Israelis aufnehmen oder sogar Morddrohungen aussprechen.

Bereits während der ersten Minuten im Kaschmirtal erhalten wir die Einladung eines Inders in unserem Alter nach Srinagar, der Sommerhauptstadt Jammu und Kaschmirs. Unseren Weg dorthin säumen Pflanzen und Gerüche, die ein Bild von Europa erzeugen. Wieder einmal werden wir daran erinnert, wie gut uns die „Angewohnheit“ Europas gefällt, vier Jahreszeiten zu besitzen.
Fast eine Woche verbringen wir bei unserem Gastgeber in Srinagar. Bekannt ist der Ort durch die ursprünglich englische Tradition, in Hausbooten auf dem Dal (Linsen) Seezuwohnen, da der Maharadja zur Kolonialzeit den Hausbau untersagte. Heutzutage finden dort Touristen ihre Nachtruhe. Noch gibt es nicht das leiseste Anzeichen dafür, dass schon wenige Wochen später der gesamte Ort durch den starken Monsunregen überschwemmt und unser neuer Freund für ganze vier Tage in seinem Haus gefangen sein wird…
Von Höhenmeter zu Höhenmeter wird die uns umgebende Landschaft karger, felsiger, beeindruckender! Eine schier endlose Folge an Bergpässen nimmt mit dem Zoji La Pass ihren Anfang. Neben stinkenden LKWs kämpfen wir uns bei bis zu 16 % Steigung die staubige Schotterstraße auf eine Höhe von 3527 m hinauf - neben uns Gletscher auf Augenhöhe und endlich das Schild mit der Aufschrift „Ladakh“. Schon hier begegnen wir anderen Radreisenden, die in gleicher Richtung fahren. Auch unzählige Motorräder fahren an uns vorbei – keine andere Strecke in Indien zieht mehr Abenteuerlustige an. Die erste Nacht verbringen wir in Drass, nach Oymyakon in Sibirien, dem zweitkältesten, bewohnten Ort der Welt mit Tiefsttemperaturen bis -52°C. Gegen die momentanen 15 - bis 20°C haben wir jedoch wirklich nichts einzuwenden...

Zuerst umgibt uns nur Gebirge, das einige Yaks und wilde Pferde beherbergt. Bald sehen wir Nomadenzelte und sind begeistert von der ursprünglichen Lebensweise dieser Menschen. Schon wenige Momente später erinnert uns die Realität ein weiteres Mal daran, dass Vieles aus der Nähe betrachtet an Glanz verliert, als unsdutzende Nomaden penetrant anbetteln.
In den nächsten Tälern häufen sich dann bereits buddhistische Stupas. Der Baustil der wenigen Häuser erinnert stark an Tibet. Die Menschen, äußerlich ebenfalls eher mongolisch oder tibetisch zu nennen, tragen eine friedliche Ruhe in ihren Gesichtern und zumeist traditionelle Kleidung am Leib. Sie grüßen uns freundlich auf Ladakhimit dem wohl wichtigsten, bestimmt aber häufigsten Wort ihrer Sprache: „Juley“, was nicht nur „Hallo“, sondern gleichzeitig auch „Tschüss“, „Danke“ und „Wie geht’s“ heißt. In jeder Siedlung lassen sich Gebetstrommeln drehen und oft gibt es einfache, aber liebevoll eingerichtete Gasthäuser, in denen wir einen Unterschlupf und sogar etwas zu essen finden. Zwar fühlen wir uns hier längst wieder sicher genug, um zu zelten, doch als wir vor wenigen Tagen bei einer französisch–indischen Familie eingeladen waren, verbrachten wir nicht nur einen angenehmen Abend, sondern beherbergten zudem für fünf Sekunden eine aufgeschreckte Katze auf dem Dach unseres Zeltes. Das Resultat sind einige schicke neue Sichtfenster an Stellen, die eigentlich dafür gedacht waren, vor Regen zu schützen. Bis wir einen Reparaturkleber finden, ist also Zelten keine Option mehr…
Mit dem Erreichen der Stadt Kargil nähern wir uns der „Line ofcontrol“, der vorläufigen,da umkämpften Grenze zu Pakistan, bis auf einen Steinwurf, woran die unzähligen Militärposten erinnern. Unruhen gibt es zwar zum Glück bereits seit einiger Zeit nicht mehr, sich inmitten von zwei befeindeten Atommächten zu befinden,erzeugt trotzdem ein seltsames Gefühl im Magen. Nicht ohne Grund hat der ehemalige amerikanische Präsident Clinton Kaschmir noch vor wenigen Jahren als gefährlichsten Ort der Welt bezeichnet. Schnell lenkt uns aber ein ganz neuer Eindruck ab: unzählige Aprikosen in bester Erntezeit - und wir bekommen von unserem Gastwirt die Erlaubnis, so viel von seinen Bäumen zu essen, bis wir platzen!
Auf der weiteren Strecke nach Leh verändert sich unsere Umgebung noch rasanter als zuvor. Täglich haben die Berge ein anderes Erscheinungsbild, mal fahren wir zwischen engen Felswänden, mal umgeben uns Berge wie aus Rührteigoder gleichen den scharfen Spitzen der Lofoten in Norwegen – wir sind begeistert!

Schließlich in Leh, einer Art Outdoor-Hochburg und dem Ziel der meisten Touren im Nordwesten Indiens, geben wir uns gern für einige Tage dem bunten Treiben hin. Das Klientel vor Ort ist eine Mischung aus Trekkingtouristen, Buddhisten, Cafégängern, Motorradfahrern und Yogapraktizierenden. Durch den aktuellen Krieg zwischen Israel und dem Gazastreifen findet sich hier zudem der Großteil der reisenden Israelis ein, da sich die Buddhisten ihnen gegenüber verständlicherweise toleranter zeigen, als die Moslems.
Spontan entscheiden wir uns, kurzzeitig zu fast allen Zielgruppen zu gehören, nehmen also an einer buddhistischen Maskentanz-Zeremonie im nahe gelegenen Hemis Kloster teil, genießen fast schon westlich zu nennende Backstuben und Restaurants und mieten uns als Höhepunkt ein Motorrad. Samt Sondergenehmigungfahren wirüberKardung La, den höchsten befahrbaren Pass der Welt außerhalb Tibets (5602 m), in das im Winter gänzlich abgeschnitteneNubratal und erleben noch mehr Abgeschiedenheit und Ursprünglichkeit, als ohnehin in letzter Zeit. Dort finden wir gleich zwei Dinge, die wirklich niemand mit dem Himalaya verbindet: Dünen und die dazu passenden Kamele – letzteres vor langer Zeit von Reisenden aus dem Orient mitgebracht.
Wir genießen es,zur Abwechslung mal schneller und ohne Muskelkraft unterwegs zu sein und verstehen, wieso so Viele das Reisen auf dem Motorrad mit Freiheit gleichsetzen. Da wir jedoch die Stille des Rades kennen, das Gefühl, es aus eigener Kraft auf einen Berg geschafft zu haben und die bessere Wahrnehmung der Umgebung dank Langsamkeit steigen wir gerne wieder auf unser bisheriges Reisemittel um.
Zurück auf dem Fahrrad begeben wir uns in einen regelrechten Höhenflug in Richtung Manali. Auf unserem Weg liegen nebenvielen weiteren die Pässe Tag Lang La (5359 m) und La Chung La (5100 m). Das zuvor extrem trockene Klima um Leh lassen wir zugunsten von Regen und Schnee zurück. Mit gefühlt halber Kraft und der Ausdauer von Kettenrauchern spüren wir immer mehr den Einfluss der Höhe auf unsere körperliche Leistung. Im Gegensatz zu Karina möchte Jan die Berge ohne Mittel gegen Höhenkrankheit überstehen, wird allerdings dafür bei Nächten auf über 4000 m von starker Unruhe befallen.
Im Schneesturm und einer atemberaubenden Kulisse wie aus einer anderen Welt klettern wir dem klaren „Höhepunkt“ unserer Fahrradreise, dem Tag Lang La Pass, entgegen. Mehr als ein schnelles, mit zitternden Händen geschossenes Foto im Halbdunkel lässt die Temperatur nicht zu, bevor wir frierend und bei kompletter Dunkelheit auf einer zweifelhaften Schotterpiste in niedrigere Gefilde hoppeln. Ohne noch damit zu rechnen, überhaupt einen halbwegs angenehmen Schlafplatz zu finden, enden wir in einem von nun an häufiger zu findenden „Zelt-Hotel“ für Reisende und erhalten sogar noch ein warmes Abendessen. Karina schwört hoch und heilig, NIE wieder auch nur über einen Pass zu fahren, ist jedoch bereits am Folgetag wieder auf dem Rad…
Einige Tagespäter fahren wir das erste Mal seit vielen Wochenwieder unter 3000 m. Unsere inzwischen an die Höhe gewöhnten Lungen bersten fast vor Wonne, als sie den mit Kräuterduft versehenem Sauerstoff aufnehmen. Wir haben das Gefühl, noch nie so gut gerochen zu haben. Es ist ein so berauschender Moment, dass Jan unwillkürlich die Tränen in die Augen steigen.
Insgesamt zwölf Pässe brachten wir seit Srinagar hinter uns, als wir in Form des Rotang La Passes endlich auch den letzten und schlammigsten von allen überwunden wissen. Eine Vielzahl verunglückter und festgefahrener LKWs beweisenuns den Anspruch der Strecke selbst für Kraftwagen. Vor uns liegt nun unsere Belohnung in Form einer über 50 km langen Abfahrt nach Manali mit einzigartigem Ausblick. Doch schon nach wenigen Kilometern steht fest, dass Jan nicht einen Meter weiter fahren kann, da seine einzige intakte Bremse gerade jetzt ebenfalls den Geist aufgibt. So verbringt er ganz im Gegensatz zu Karina die restliche Strecke auf der Ladefläche eines Pickups.

Das ruhige Manali mit seinem gemäßigten Klima, dem ersten echten Käse seit fast einem Jahr, viel Obst und sogar Obstwein gefällt uns so gut, dass wir beschließen, so spät wie überhaupt nur möglich die letzten 500 km nach Neu Delhi zu fahren. Jan befüllt seine undichten Bremsen immer wieder neu mit Öl und hofft, so doch noch das letzte Stück ohne fremde Hilfeoder Alternativlösung fahren zu können.
Tatsächlich erreichen wir nach unserem exzessiven Höhentraining in nur wenigen Tagen die Hauptstadt und sitzen bereits wenig später im Flugzeug, dass uns vorbei an den Unruhen Pakistans und Afghanistans nach Dubai in die arabische Welt bringt.

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25. Bericht. Indien. Der Nordosten/die sieben Schwestern
(02.05. – 15.07.2014/ 31.755 – 33.329 km/ 241.149 – 250.694 hm)


Entweder Du liebst es oder Du hasst es

 

Moreh. Ein Ort, von dem selbst die meisten Indienreisenden noch nie gehört haben, bildet für uns das Eingangsportal zum zweitbevölkerungsreichsten Land der Erde. Hier befindet sich die wichtigste Grenze für die Handelsbeziehungen mit ganz Ostasien. Waffen, Drogen und Schmuck sorgen vor Ort neben den legalen Handelsgütern für Reichtum, der nicht mit der Regierung geteilt werden muss. Die Einwohner selbst sagen über den kleinen Ort des Staates Manipur, der noch vor wenigen Jahren als gefährlichster ganz Indiens galt, dass der einzige Grund hier zu leben das Geld ist. Ansonsten nennen sie Moreh einen abgelegenen Ort in einem abgelegenen Gebiet.
Auf unsere Einreise folgt fast minutiös der Einbruch des ersten Monsunregens des Jahres! Plötzlich auftretender Wind peitscht durch die Straßen und schnell verwandelt sich die Straße zu einem Fluss, der Massen an Unrat mit sich zieht. Vor einem Haus Schutz suchend genießen wir die Abkühlung und warten, bis das Wetter sich wieder beruhigt. Als wieder Normalität auf der Straße einkehrt, betrachten wir die Szene vor unseren Augen und können kaum fassen, wie unterschiedlich die Welt nur einen Kilometer entfernt in Myanmar war. Noch immer erregen wir riesiges Aufsehen, immerhin sind Touristen in dieser Region nahezu völlig fremd. Auch wird uns gesagt, dass wir zu den ersten Radreisenden der Welt gehören, die überhaupt die Sondergenehmigung erhalten haben, hier die Grenze zu übertreten. Doch wo in Myanmar gelächelt wurde, wird hier gestarrt. An Stelle von bisher asiatisch höflicher Distanz, tritt schlagartig Distanzlosigkeit, wie wir sie noch nie erlebt haben. Berge von Müll werden von nun an unsere stetigen Begleiter durch Indien – dabei dachten wir inzwischen wirklich abgehärtet zu sein.
Nach der visumsbedingten Eile in Myanmar und zur Akklimatisierung im neuen Land wollen wir einige Tage verschnaufen, besonders da wir einen unwahrscheinlich freundlichen und liebevollen Gastvater in unserem fast schon zu günstigen Hotel finden. Amöben bitten Karina gleich nach unserem ersten Restaurantbesuch, noch etwas länger zu bleiben. Hygiene und Indien sind eben keine guten Freunde... So vergehen fast zwei Wochen, in denen sich die Bewohner des Ortes langsam an uns gewöhnen und wir uns an die neuen Bedingungen. Wir lernen, dass Preise äußerst flexibel gesehen werden und für Fremde erst einmal möglichst hoch angesetzt werden. Stromversorgung, wie wir sie kannten, existiert nicht mehr und gleicht von nun an eher einem Roulettespiel: wenn man Glück hat, gibt es sie einige Stunden am Tag, ansonsten muss man eben Kerzen benutzen. Wir versuchen die permanente Geräuschkulisse rotzender Menschen zu überhören und trotz des stetigen Geruchs nach Tod und Fäkalien Luft zum Atmen zu finden. Es wimmelt von ignoranten Menschen, die z.B. zu bequem sind, Toiletten für ihre Notdurft zu benutzen oder im Inneren der Gebäude ihren roten Betelnussspeichel über die Wände verteilen.
Durch die jüngsten Erfahrungen etwas mutlos geworden, brechen wir, endlich wieder reisefertig, auf, um durch die „Sieben Schwestern“ zu reisen, wie die Oststaaten auch genannt werden. Die uns umgebenden Menschen lassen sich äußerlich eher als tibetisch/mongolisch beschreiben und sind auffallend kleinwüchsig. Wir erfahren, dass diese in Zentralindien oft als Ausländer angesehen werden und viele Inder dort nicht einmal wissen, dass die Oststaaten überhaupt ein Teil Indiens sind.

Während wir die ersten Berge in Richtung der Hauptstadt Imphal in Angriff nehmen, lernen wir den indischen Verkehr kennen: nahezu jedes Auto hupt quasi permanent. Uns wird später berichtet, dass Audi anscheinend neue Hupen für Indien entwickeln musste, da die gewöhnlichen hier nach drei Monaten defekt waren… Bald kann Jan keinen Kilometer mehr ohne Ohrenstöpsel fahren kann, wenn er seinen inneren Frieden nicht verlieren will. Auch den in Myanmar erworbenen Atemschutz können wir kaum noch beiseitelegen. Die Verkehrsregeln sind einfach: wer lauter und größer ist, hat Vorfahrt, um die heiligen Kühe fährt man herum und jede Lücke, wo auch immer sie ist, wird genutzt, um voran zu kommen bzw. die Straße gänzlich zu verstopfen. Wenn nicht wir auf den Verkehr aufpassen, finden wir uns bald unter den Reifen eines der unzähligen, bunt bemalten LKWs mit der Aufschrift „BITTE HUPEN“ wieder, die häufig fahren, als existierten wir nicht. Tatsächlich sehen wir praktisch täglich verunglückte Lastwagen, sei es, weil sie überladen waren, der Gesamtzustand des Fahrzeuges zu schlecht oder die Fahrweise zu riskant.

Mit zunehmender Höhe stellen wir fest: nicht nur das Klima verändert sich, sondern auch die Menschen werden ausgeglichener und freundlicher. Auch wir waren in der Hitze der Ebene angespannter, ruheloser und insgesamt unausgeglichener. Die Bergvölker des Ostens, übrigens zum größten Teil Christen, bestätigen unsere Wahrnehmung. Hier erhalten wir Hilfe, als ein Sturm uns an der Weiterfahrt hindert und können, eingeladen bei einer Familie, das erste Mal traditionell mit den Fingern essen, wie es hier in Indien üblich ist. Die Kommunikation miteinander ist kein Problem, da sich wie bisher in Indien immer jemand findet, der zumindest ein wenig Englisch spricht. Unsere Motivation, so wie bisher, immer ein wenig von der Landessprache zu lernen, geben wir schnell desillusioniert auf. Allein in den sieben Schwesterstaaten existieren etwa einhundert Völker mit ebenso vielen unterschiedlichen Sprachen bzw. Dialekten. Das Hindi, neben Englisch die offizielle Landessprache, versteht hier kaum jemand. Wen wundert es da noch, dass Indien in vielen Reiseberichten als buntes Curry beschrieben wird, dessen Zutaten so unterschiedlich sind, wie die Inder selbst. Für uns gleichen sich beispielsweise die Länder Europas im Grundsatz mehr, als die unterschiedlichen Staaten Indiens.

Unsere Mittagspausen verbringen wir in "Hotels", hierzulande die Bezeichnung für Restaurants. Dabei darf man sich nicht vom äußeren Erscheinungsbild verwirren lassen! In einem Palast kann verschimmeltes Essen serviert werden, während man in einer Bruchbude wie ein König speist – beides haben wir am eigenen Leib erlebt. Als relativ sicheres Entscheidungskriterium kann man höchstens auf die Anzahl der Gäste sowie die Uhrzeit achten, denn meist wird nur ein, bis zweimal am Tag gekocht und die Speisen anschließend der Sonne überlassen.
Aufgrund unserer Einstellung, aber auch der mangelnden Hygiene haben wir beschlossen, wie bereits zuvor auf Fleisch zu verzichten. Was im Zentrum des Landes überhaupt kein Problem ist, stellt sich hier im Osten in den abgelegenen Gebieten oft als schwierig heraus. Es scheint uns, als quellen die Märkte vor Gemüse über, in Restaurants jedoch sucht man es vergeblich. So beschränkt sich unser Essen oft auf Reis mit feurig scharfen Linsen und dem überall erhältlichen süßen Chai (Milchtee) – alles jedoch durchaus schmackhaft. Als „Knabberei“ bekommt man zu jedem Essen rohe Zwiebeln und Chilis dazu. Nach und nach entwickeln wir allerdings eine Art „Chili-Phobie“, da vor allem Karinas Magen praktisch ohne Unterbrechung gegen das scharfe Essen rebelliert. Es ist wohl nicht übertrieben zu behaupten, dass wir in Indien mehr Magenbeschwerden hatten, als auf der gesamten restlichen Reise zusammen… In Imphal, der Hauptstadt des Staates Manipur, ändert sich das vorher erwähnte völlig! Wir erleben eine überragende Bandbreite an wunderbaren vegetarischen Gerichten, Backwaren und Fladenbrot.
In ebendieser Stadt gehen wir auf Suche nach einigen Ersatzteilen für unsere Räder und lernen so die Mitglieder des Fahrradclubs „Pedal Attack“ kennen. Sofort wird für uns eine Versammlung einberufen, auf der wir einen Vortrag über unsere Reise halten. Wir werden wie Ehrengäste behandelt und schaffen es sogar spontan, eine gemeinsame zweitägige Radtour zum größten See Indiens, dem Loktak See, zu organisieren.

In Kohima, der Hauptstadt Nagalands, wo es noch bis in die 70er Jahre Kopfjäger gab, sammeln wir erneut längere Zeit Erfahrung im Stadtleben – diesmal, um liegen gebliebene Schreibarbeiten aufzuholen, da wir hier endlich dauerhaften Zugang zu Strom und günstige Zimmerpreise haben. Nach mehreren Zwischenfällen bei anderen Radreisenden haben wir uns entschieden, in Indien auf das Zelten zu verzichten und stattdessen günstige Zimmer zu mieten. Während des Einkaufs auf dem Markt lernen wir erst staunend, dann verwundert und schließlich angeekelt die lokalen Essgewohnheiten in Form von Fröschen, Ratten, Hornissenmaden, Seidenwürmern und Hunden kennen. Als „Qualitätsmerkmal“ werden beim Hundefleisch übrigens die Pfoten beigelegt

Nach der längeren Reisepause bewegen wir uns weiter in Richtung Assam. Immer wieder werden wir gefragt, welche Gefahren wir bisher überstehen mussten. Nach unserer Einschätzung haben sich die indischen Straßen zum größten Gefahrenpotenzial unserer Reise etabliert. Zuerst wird Jan von freundlich grüßenden Indern versehentlich von der Straße gedrängt und holt sich diverse Abschürfungen und einen zerrissenen Sattel und nur wenige Tage später kann Karina gerade noch von ihrem Fahrrad springen, um nicht bei einer Engstelle über den Haufen gefahren zu werden.

Als wir schließlich eine frühere Grenze mit dem Schriftzug „Assam“ passieren, sehen wir im Geiste bereits Bilder von mystischen Teeplantagen aufflackern. Diese offenbaren sich als überaus enttäuschend! In direkter Nachbarschaft mit dem unvorstellbar emissionsreichen Verkehr, den generell dreckigen Straßen Indiens und abgeladenem Müll finden wir die berühmten Teeplantagen Assams vor, die von Akazien ein wenig vor der sengenden Sonne geschützt werden. Uns bleibt einzig die Hoffnung, in den Bergen Darjeelings gesünderen Tee zu finden, denn was wir hier sehen, kommt uns nicht mehr in die Tasse… Positiv überrascht sind wir jedoch von dem Tierschutzgebiet „Marat Longri“, welches uns entlang eines geschwungenen Flusses führt: der grüne Dschungel offenbart uns etliche Affen und schöne Vögel, Straßenschilder des WWF weisen auf weitere Raritäten wie den bengalischen Tiger und Elefanten hin. Die vielleicht größte Attraktion des Staates, den Kaziranga Nationalpark mit der weltgrößten Population an Panzernashörnern, können wir leider aufgrund des Monsuns nicht besuchen.

Auf kleineren Straßen radeln wir bei unvorstellbar hoher Luftfeuchtigkeit und stetigen Temperaturen bis 40°C in Richtung Westen. Wir erfahren eine Aufmerksamkeit, die kaum zu beschreiben ist. Karina ist immer wieder lüsternen Blicken und Kommentaren von Männern ausgesetzt, die selbst in Jans Gegenwart gelegentlich erst durch harte Worte verscheucht werden können. Selbst im überwiegend muslimischen Malaysia fühlte sie weniger Notwendigkeit, ihren Körper zu bedecken. Wo wir stoppen, bilden sich in Sekunden Menschentrauben von bis zu 200 Männern (in ganz Indien hatten wir nie Probleme mit Frauen), die uns einfach nur anstarren oder versuchen, die Räder anzufassen. Wir entdecken enttäuscht von uns selbst, wie wir notwendigerweise zunehmend verhärten und unfreundlich werden, denn oft wird ein höfliches ausgesprochenes „ Nein“ nicht akzeptiert. Gleichzeitig entwickelt sich damit einhergehend unsere Fähigkeit, äußerst deutlich zu entscheiden und klarzustellen, was wir wollen und wo unsere Grenzen sind.
Mehrere Male werden wir für lokale Fernsehinterviews gestoppt oder finden vor unserem Hotelzimmer uneingeladene Zeitungsreporter und erfahren so am eigenen Leib, wie viel Energie es kostet, eine Person des öffentlichen Lebens zu sein. Dutzende Male pro Tag richten sich Handykameras auf uns – meist ohne vorherige Worte des Grußes oder einer Erlaubnis von unserer Seite. Welch gravierende Entwicklung, wenn man bedenkt, dass noch vor zwanzig Jahren die Kamera nur in der Hand des Touristen lag und die Fotomotive fürchteten, ihre Seele werde ihnen gestohlen…
Schöne Seiten hat diese enorme Aufmerksamkeit, als uns einmal ein Wohlfahrtsverband 50 km hinterher fährt, um uns mit traditionellen Schals willkommen zu heißen oder uns wiederholt Menschen schüchtern und mit zitternden Händen mitteilen, dass wir die ersten Weißen sind, die sie in ihrem Leben sehen und damit ein Wunsch von ihnen in Erfüllung gegangen ist.
Ein Umweg über den Staat Meghalaya bringt uns nicht nur in klimatisch, sondern auch menschlich und landschaftlich wieder in angenehmere Gegenden. Schon auf unserem steilen Weg in die Hauptstadt Shillong werden wir freundlich am Wegrand gegrüßt und von lachenden Kindern begleitet, die ein Stück neben uns her rennen. In der Stadt selbst besuchen wir das Don Bosco Museum für Völkerkunde. Mit Liebe zum Detail wird uns hier die kulturelle Vielfalt des Nordosten Indiens greifbar gemacht. „Trotzdem kann natürlich kein Museum den Eindruck einer echten Begegnung mit den Stammesvölkern ersetzen…“ denkt sich Jan, als eine ganze Gruppe komplett traditionell gekleideter Frauen das Museum betritt, um sich die eigene Geschichte anzusehen. Was wir gerade noch als Gipsbüsten hinter Scheiben gesehen haben, steht nun in Fleisch und Blut neben uns – SO muss ein Museum sein!
Unser landschaftliches Highlight erleben wir nahe der Grenze zu Bangladesch im „Schottland des Ostens“, wie die Region gerne genannt wird. Weite, mit Granitblöcken durchsetzte Wiesen führen uns nach Cherrapunjee, einem der regenreichsten Orte der Welt – natürlich bei Regen. Neben dem Besuch des Nohkalikai Wasserfalls, einem der höchsten frei fallenden der Welt, erreichen wir nach einer langen Wanderung durch den Dschungel und der Überquerung vieler klarer Flüsse lebende Brücken aus Gummibäumen, deren Wurzeln miteinander verflochten und sogar Steine „eingepflanzt“ wurden, um eine sichere Überquerung der Flüsse zu ermöglichen. Wir fühlen uns wie in einer Phantasiewelt!

Einen letzten Umweg vor unserer endgültigen Weiterreise in den Westen Indiens stellen die Berge um Darjeeling dar, wo wir im Gegensatz zu Assam tatsächlich hochwertigen Tee finden und manches über dessen Anbau lernen. Aufgrund der falschen Jahreszeit wird uns der Ausblick auf die beeindruckenden Berge des Himalayas leider verwehrt, da diese nahezu gänzlich in Wolken gehüllt sind. Dies bestätigt uns in der wenige Tage zuvor getroffenen Entscheidung, nicht wie geplant weiter nach Nepal zu fahren, sondern mit dem Zug in den Nordwesten Indiens zu reisen. Dort wollen wir in der wiederum besten Reisezeit doch noch durch den Himalaya zu radeln. Das somit übersprungene Flachland im Norden Zentralindiens um den Staat Uttar Pradesh lassen wir gerne aus! Die nicht enden wollenden Zeitungsmeldungen über immer neue und verachtenswertere Vergewaltigungsfälle, auch gegenüber Touristen, sowie das ewig heiße und feuchte Klima, das uns seit nahezu einem Jahr verfolgt, locken uns nicht im Geringsten. Von nun an richten wir unseren Blick lieber auf die raue und zeitlose Schönheit der Berge.
Auch wenn unsere Ausreise aus Indien zu diesem Zeitpunkt noch weit entfernt liegt, können wir bereits jetzt bestätigen, was andere Reisende über dieses Land sagen: Indien führt einen zu sich selbst! Mehr als einmal gelangten wir an Grenzen, die wir an uns noch nicht kannten und mussten lernen, genau auf unsere Bedürfnisse zu achten. Regeln, die für uns allgemeingültig schienen, haben hier oft keine Bedeutung. Wir haben Lebensbedingungen gesehen, die uns trotz langer Reise fremd waren und gelernt, welch großes Glück es ist, in ­­einem Land zu leben, in dem Menschen und ihre Rechte größeren Wert besitzen.


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24. Bericht. Myanmar
(05.04.-02.05.2014/ 30.136 - 31.755 km/ 232.004 – 241.149 hm)

Das Land des goldenen Lächelns

Ein überwiegend buddhistisches Land, bekannt für seine abertausend Pagoden, Klöster und alte Tempelanlagen – öffnet seine Grenzen! Bereits mit Beginn unserer Weltreise begleitet uns der Wunsch, Myanmar zu durchfahren, um Thailand über Land mit Indien zu verbinden. Ein nicht ganz einfaches Vorhaben für ein seit mehr als 50 Jahren vom Militär autoritär regiertes Land, wie dem früheren Burma. Noch bis vor einem Jahr war nicht daran zu denken, über Land einzureisen, seit einem dreiviertel Jahr hat Myanmar jedoch, einer neuen Richtung folgend, mehrere Landesgrenzen für Touristen geöffnet.
Unser bereits in Malaysia beantragtes Visum gestattet uns die Einreise von Thailand und einen 28-tägigen Aufenthalt im Land. Innerhalb dieser Frist gilt es für uns nun, mehrere Aufgaben zu erfüllen. Auf von Hand gebauten Straßen müssen wir über 1.700 km durch das teils bergige Land zurücklegen, um zur indischen Grenze zu gelangen. Voraussetzung dafür ist eine Sondergenehmigung, um das grenznahe Sperrgebiet und schließlich die Grenze zu überqueren, die nicht für internationalen Verkehr geöffnet ist. „Ganz nebenbei“ möchten wir natürlich auch einige Sehenswürdigkeiten besuchen, was ebenfalls Zeit kostet…

Vom thailändischen Mae Sot fahren wir also über die Grenze nach Myawaddy und betreten damit das früher stark abgeschottete Myanmar. Genau in der Mitte der Brücke, die die beiden Nachbarländer miteinander verbindet, wechseln wir die Straßenseite – nach Monaten des Linksverkehrs ein seltsames Gefühl, plötzlich wieder rechts zu fahren. Unser Visum wird akzeptiert, trotzdem wird uns erklärt, dass wir erst am Folgetag weiter fahren dürfen, da die 70 km lange Bergstraße - bis vor kurzem noch Sperrzone - eine täglich wechselnde Einbahnstraße ist. Andere Reisende erzählten uns glücklicherweise im Vorfeld davon und auch, dass wir als Fahrradreisende trotzdem durch die Kontrollposten gelassen werden. Somit schenken wir diesem Verbot keine Beachtung – eine Herangehensweise, die sich in Myanmar schnell als notwendig erweist. Zum einen ändern sich die Gesetze im Land immer wieder, so dass die zuständigen Stellen nur im Glücksfall richtig informiert sind, zum anderen ist das Land noch nicht auf Individualreisende, insbesondere Fahrradfahrer vorbereitet. So ist es beispielsweise gesetzlich vorgeschrieben, dass Touristen nur in speziell lizensierten (und natürlich deutlich teureren) Touristenhotels übernachten dürfen. Zelten oder die Unterbringung bei Privatpersonen ist verboten – natürlich zu unserer Sicherheit – oder anders ausgedrückt, da der Militärstaat ansonsten keinen Profit schlagen kann. Wie so oft entpuppt sich die Realität jedoch als weitaus weniger schlimm, als gedacht: schon am ersten Abend gibt es weit und breit kein Hotel. Einige Anwohner des kleinen Örtchens, in dem wir gestrandet sind, überreden uns, in ihrem Restaurant zu essen und laden uns trotz Verbot prompt ein, bei sich im Restaurant zu übernachten. Am nächsten Morgen befindet sich nur wenige Minuten entfernt ein Militärposten. Dort wird uns die durchaus berechtigte Frage gestellt, wo wir geschlafen hätten. Um die Familie zu schützen, antworten wir, wir hätten gezeltet (was ebenso illegal ist), „schließlich ist es ein langer Weg zum nächsten Hotel“. Ein etwas verwirrter Blick ist die Antwort darauf und das ist alles. Wie an den weiteren Posten werden unsere Personalien aufgenommen und damit dürfen wir auch schon weiter fahren. Einige Male zelten wir tatsächlich, jedoch mit größter Vorsicht, da uns bereits von anderen Reisenden von „nächtlichen Umsiedelungen“ berichtet wurde. Unsere liebsten Übernachtungsplätze sind jedoch genau wie in Thailand die Klöster. Noch immer (beziehungsweise wieder: siehe „Safranrevolution“) ist das Wort eines Mönches viel wert und so werden wir bei jeder Anfrage freundlich aufgenommen. Häufig wird pflichtbewusst (oder aus Angst vor Strafe?) die Polizei gerufen, in jedem Fall werden aber lediglich unsere Personalien aufgenommen und uns versichert, dass alles in Ordnung sei. Meist endet solch ein Abend in einer gemütlichen Runde aus Mönchen, Polizisten und manchmal noch interessierten Dorfbewohnern, in der wir extra für Asien ausgedruckte Fotos unserer Reise zeigen und Geschichten erzählen, sofern es der gemeinsame Wortschatz zulässt.
Langsam klettern wir Höhenmeter um Höhenmeter auf die grenznahen Berge und haben so Zeit, Land und Leute auf uns wirken zu lassen. Wir passieren einige Bambushütten, vor allem jedoch sehr einfache Holzhütten, deren Dächer mit besonders gefalteten Teakblättern gedeckt sind. Die Menschen ringsum wirken auf wundervolle Weise asiatischer, traditioneller, echter und schöner, als die der Nachbarländer. Schnell entdecken wir den wahren Schatz des Landes: das Lächeln, das uns überall entgegen gebracht wird. Es ist echter, offener und herzlicher, als in jedem anderen Teil der von uns bereisten Welt! Es ist offensichtlich, dass wir nie zuvor in solch arme Gebiete gefahren sind und nicht von der Hand zu weisen, dass die Burmesen immer wieder Schreckliches unter der Militärherrschaft der letzten Dekaden erleben mussten. Und doch konnten sie sich im starken Kontrast dazu eine ansteckende Freundlichkeit bewahren, die sich für immer in unseren Herzen einnistet. Ebenso typisch für Myanmar und zugehörig zu den lachenden Gesichtern ist die beige Paste aus zerriebenem Thanakaholz, das sich fast jede Frau und viele Männer unter anderem zum Schutz gegen die starke Sonne bereits seit Jahrhunderten auf das Gesicht auftragen.

Über die landschaftlich schöne Gegend Hpa-Ans fahren wir nach Kyaiktiyo, wo hoch oben in den Bergen die wichtigste Pilgerstätte der buddhistischen Burmesen liegt – der goldene Stein. Ein Balanceakt zweier übereinander liegender Felsen, deren Gleichgewicht der Legende nach ein Haar Buddhas hält.
Auch wenn uns Großstädte immer weniger reizen, sind wir gezwungen, einen Umweg über Yangon zu machen, um die Sondergenehmigung zu beantragen, von der unsere Weiterreise nach Indien abhängt. Nur durch einen Tipp anderer Radreisender, wissen wir von einer besonderen Reiseagentur, die uns mit großer Sicherheit helfen kann. Doch trotz schneller Hilfe der Agentur werden wir erst einige Tage vor der Sperrzone wissen, ob wir weiter fahren können oder direkt wieder umkehren und nach Indien fliegen müssen...
Die größte Stadt des Landes stellt sich mit vielen Prachtbauten und Grünanlagen als durchaus sehenswert heraus, besonderer Erwähnung bedarf die riesige Shwedagon Pagode, deren goldene Farbe einen selbst in der Nacht noch zu blenden scheint.
Mit der Hoffnung auf die Sondergenehmigung und regendicht verschlossenen Radtaschen verlassen wir Yangon pünktlich zum Beginn der heißesten Zeit des Jahres und dem damit einhergehenden Wasserfest, dem buddhistischen Neujahr. Für die kommenden vier Tage steht ganz Myanmar Kopf, Menschenmassen bevölkern die Straßen, um alles, was sich bewegt, ganz besonders bevorzugt jedoch weiße Fahrradreisende, unendlich nass zu machen – beziehungsweise traditionell zu reinigen! Wir merken kaum, dass das Thermometer erstmals auf unserer Reise bis auf 45°C im Schatten steigt, da wir alle hundert Meter literweise erfrischt werden. Es ist beeindruckend, wie viele Menschen friedlich miteinander feiern und mitunter eine Zerreißprobe unserer Nerven, wenn uns „ganz lustig“ Feuerwehrschläuche fast vom Fahrrad spritzen und immer wieder Wasser mit Hochdruck in unseren Ohren und Gesichtern landet. Da uns lediglich die Optionen „Visum überziehen“ oder „Weiterfahren“ bleiben, finden wir uns damit ab, die wohl nassesten Touristen des Jahres zu werden und irgendwie schaffen wir es, uns schließlich größtenteils dem Spaß anzuschließen. Ob es nun an dem teilweise aus Reisfeldern geschöpftem Wasser lag, das man uns überschüttete oder doch an einem Essen zweifelhafter Herkunft – inmitten des Wasserfestes steckt sich Karina mit Amöben an und verliert so schnell ihre Kräfte, dass sie kaum Rad fahren kann. Einer lustigen Menge, die mit großer Sicherheit kaum Englisch versteht, nun zu erzählen: „Meine Freundin ist krank, seid doch bitte so gut und übergießt nur mich“, zeigt nur mäßigen Erfolg. Ein großer Lastwagen, der uns per Anhalter zur nächsten Stadt (ganze 60 km) bringt, stellt sich als vielversprechender heraus. Dort angekommen ereignet sich eine Szene, die plakativ für ganz Myanmar steht: Bei einer Apotheke sind wir uns nicht sicher, welches Antibiotika am geeignetsten ist – also bringt die Apothekerin Karina auf dem Roller mal eben zu einem Arzt, dieser untersucht sie sofort und vor allen anderen Patienten, gibt ihr Elektrolyte, ein Rezept für die nötigen Medikamente und will nicht einen Cent dafür! Die Apothekerin bringt sie zurück, gibt ihr die Medizin und besteht ebenfalls darauf, uns alles zu schenken! Unglaublich!
Mit dem Erreichen Pyays erleben wir den Höhepunkt des Wasserfestes, wo ganze Straßenzüge völlig durchnässt feiern – wir mitten drin – eigentlich auf der Suche nach einem Zimmer und der Meinung, nach acht Stunden „Wasser marsch!“ eigentlich genug zu haben… Auf unserer weiteren Route durchqueren wir hunderte Kilometer Trockenland und können nur immer wieder die Köpfe schütteln, wenn wir daran denken, wie nur wenig weiter südlich unendliche Wassermassen verschwendet wurden. Wir begegnen Menschen, die mit dem Roller, zu Fuß oder dem Ochsenkarren oft mehrere Kilometer zurücklegen, um in einem Brunnen Wasser zu holen. In der Nähe des Popa Berges, dem Zentrum der „Nats“ (Naturgeister), krönen Menschen, die neben der Straße um Trinkwasser betteln, unsere Fassungslosigkeit.
Eine erfreulichere Erfahrung machen wir wenig später in Bagan. Touristisch gesehen stellen die viertausend Tempel dieser beeindruckenden archäologischen Anlage sicherlich das Highlight Myanmars dar. Dort erleben wir einen unbeschreiblichen Sonnenuntergang und  -aufgang und freuen uns darüber, mit unseren Rädern frei im Gelände herumfahren zu dürfen. Doch auch hier überschattet eine weitere Tatsache unsere Entdeckerfreude: Um das historische Gebiet für Touristen zu „säubern“, wurden die früheren Bewohner des Geländes kurzerhand zwangsumgesiedelt. Weiterhin gehen jegliche Eintrittspreise der Besucher (wie überall im Land) auf direktem Weg in die Taschen des Militärs, dem größten Feind der Demokratisierung Myanmars. Aus diesem Grund gehen wir diesen bezahlten Attraktionen meist bewusst aus dem Weg, werden aber unerklärlicherweise im ganzen Land auch nie um Eintrittsgelder gebeten. So können wir der Regierung ein Lächeln schenken, der Bevölkerung jedoch an den unzähligen kleinen Ständen und Restaurants eine kleine, direkte Hilfe.

An einem Fahrradladen, in welchem wir nur schnell einen neuen Fahrradschlauch kaufen wollen, zeigt uns die Besitzerin ganz aufgeregt die aktuelle Zeitung – mit einem großen Bild von uns beiden! Wir hatten kaum mehr daran gedacht, dass wir, bereits hunderte Kilometer entfernt, einem kleinen Interview eines Reporters zustimmten. Als wir bei unserer Reiseagentur in Yangon (also etwa 1000 km entfernt) noch am gleichen Tag nach unserer Sondergenehmigung fragen, wird uns gesagt, dass wir erst in einigen Tagen Ergebnisse zu erwarten hätten, jedoch bitte im eigenen Interesse von nun an weniger Aufsehen erregen sollten – über unseren Zeitungsartikel in der landesweiten Zeitung wüssten sie bereits bestens Bescheid…

Unser weiterer Weg führt durch eine weniger besiedelte Region abseits der Hauptstraße. Auf einmal folgen uns zwei Männer auf einem Roller. Ein seltsames Gefühl... Schließlich stellt Jan sie zur Rede und erfährt, dass die beiden unsere Polizeieskorte zu unserem persönlichen Schutz sind. Andernorts wundern wir uns also weniger, als wir wieder einmal verfolgt werden – natürlich wieder ohne ein Wort des Grußes oder einer Erklärung… Unsicher haben wir uns allerdings bisher auch ohne Eskorte nie gefühlt, wurden wir doch bisher allerorts zuvorkommend und freundlich behandelt.

Einzig der Verkehr hat Potential, einschüchternd zu wirken: stinkende „Lastwagengerippe“, die man andernorts lediglich in Museen findet, erledigen schnaufend ihre Arbeit, Fahrzeuge jeder Art, selbst Roller sind bis zur dreifachen Eigenhöhe mit Menschen und Waren beladen und die einzig ernstgenommene Verkehrsregel ist das beständige Hupen, das jegliche Handlung im Straßenverkehr begleitet. Im Staat Sagaing werden wir schließlich traurige Zeugen eines Unfalls. Nur Minuten, nachdem zwei Rollerfahrer und ein mit Menschen beladener Transporter zusammengestoßen sind, erreichen wir die Unfallstelle. Überall liegen blutende Menschen, einige bewegen sich nicht mehr. Nach und nach kommen immer mehr Schaulustige, während wir unseren für solch ein Szenario hinten und vorne nicht ausreichenden Vorrat an Verbandsmaterial möglichst „gerecht“ auf die Verletzten aufteilen. Menschen mit riesigen Wunden ins Gesicht zu sagen, dass sie erst später an der Reihe sind, ist eine Erfahrung, die wir keinem wünschen…
Während wir eine Ewigkeit auf den Rettungswagen - einen Geländewagen ohne jede medizinische Ausrüstung – warten, realisieren wir, wie wenig wir ausrichten können! Im starken Gegensatz dazu richten sich alle Blicke der Hilfesuchenden auf uns und uns wird klar, dass unsere Latexhandschuhe denselben Effekt eines Arztkittels haben. Als schließlich alle Verletzten auf dem Weg ins Krankenhaus sind, werden noch Auto- und Motorradhelmteile eingesammelt und wir fahren langsam und in Gedanken versunken unseres Weges. Nur hunderte Meter weiter stehen wieder freundlich grüßende Menschen neben der Straße, als sei das Erlebte nur ein böser Traum gewesen…
Einer empfohlenen „Abkürzung“ und „tollen, neuen Straße“ von Monywa nach Kalewa folgend, die nicht einmal mehr in unserer Karte verzeichnet ist, kommen wir nach 70 km wirklich guter Straße auf die Schlechteste der gesamten Reise. Eine Mischung aus Erde, Felsbrocken, Staub, Schlamm und jede Menge Höhenmeter verlangen noch einmal alles von uns ab, ehe wir nur noch 200 Kilometer vor der Grenze endlich Gewissheit über unsere weitere Reiseroute haben: Die Sondergenehmigung wurde uns erteilt und damit werden wir unter den ersten Fahrradreisenden der Geschichte sein, die auf dem Fahrrad nach Indien einreisen dürfen!

Die Menschen im Sperrgebiet auf dem Weg nach Tamu - überraschenderweise nahezu ausschließlich Christen - begrüßen uns wie Nationalhelden! Als wir eine kleine Rast machen, bildet sich eine Menschentraube um uns und Kinder geben uns schüchtern kleine Geschenke wie z.B. Wasserflaschen. In einem Restaurant wollen wir noch ein letztes Mal das oft vielseitige und kreative burmesische Essen genießen, welches sich übrigens außerordentlich von dem der Nachbarländer unterscheidet. Uns wird nicht gestattet, zu zahlen, so sehr wir auch darauf bestehen!
In der Grenzstadt Tamu selbst werden wir bereits von der Polizei erwartet, die von der Reiseagentur im Vorfeld informiert wurde. Uns bleibt noch eine letzte Nacht im Land des goldenen Lächelns – dann stehen wir im Büro der Einwanderungsbehörde, nur wenige Meter neben indischem Boden. Freundlich werden die letzten Formalitäten erledigt und beiderseits Erinnerungsfotos geschossen, dann radeln wir nach Manipur, dem berüchtigtsten Staat der „Sieben Schwestern“ Indiens.

Eine uns wichtige Anmerkung: Sollte jemand aufgrund unseres Reiseberichtes dieses wunderbare Land besuchen wollen, möchten wir ihn/sie nur ermutigen! Dabei sollte jedoch nicht die eigene Verantwortung vergessen werden, die jeder Tourist mit sich trägt: Noch ist in Myanmar der beispielsweise in Thailand bereits so weit verbreitete Materialismus selten zu finden. Ehrlichkeit und Freundlichkeit bestimmen den Alltag der meisten Burmesen und den Umgang mit Touristen. Es bleibt zu hoffen, dass die steigenden Besucherzahlen einen möglichst schleichenden Einfluss nehmen…


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22. Bericht. Thailand
(05.02. – 05.04.14/ 28.430 – 30.136 km/226.145- 232.004 hm)

Ein täglicher Gesichtsverlust

Es ist wie das Aufwachen aus einem Traum – nur ob der Traum aufhört oder anfängt, ist uns noch nicht klar… Während wir mit dem Fahrrad vom südlichsten Thailand bis zur Hauptstadt Bangkok und schließlich der Grenze Myanmars fahren, wird uns klar, dass unsere westlichen Normen lediglich Konzepte sind. Thailand ist anders. Das „Land der Freien“, wie es Einheimische gerne übersetzen, wurde nie von westlichen Mächten erobert und konnte sich so ganz eigene Normen und Verhaltensregeln erhalten, die unsereins zwangsläufig in einen Kulturschock katapultieren. Erst in den letzten Jahren gelang es dem weißen Mann endlich, mithilfe einer Massenvernichtungswaffe, sich das frühere Siam zu unterwerfen: Materialismus.

Von der Insel Langkawi in Malaysia setzen wir zu dem südlichen, überwiegend islamischen Teil des sonst größtenteils buddhistischen Thailands über. Mit
Satun betreten wir die erste Stadt des Landes. Noch vor einigen Tagen fiel es uns schwer, Malaysisch zu lesen, nun können wir nicht einmal ein einziges Schriftzeichen der thailändischen Sprache entziffern – exakt so müssen sich Analphabeten fühlen! Auf einmal werden Bilder und Symbole essentiell. Da hier kaum Touristen vorbei kommen, sprechen die Wenigsten Englisch. Ein Zimmer und einen vollen Bauch bekommen wir aber doch recht einfach, denn Zeichensprache ist universell.


Bei der Essensbestellung und beim Einkaufen machen wir die ersten Erfahrungen mit der hier geltenden Mentalität und lernen schnell, dass das „Gesicht“ eines Thais höchstes Gut ist und der Verlust desselben an vielerlei Orten droht. Kann jemand z.B. eine Frage nicht beantworten, verliert er sein Gesicht. Werden wir nicht verstanden, bekommen wir also meist als Antwort „Nein, das haben wir nicht“ oder werden einfach mit dem landesweiten Zeichen für „Bitte mach nicht weiter!“ - einem Lächeln - bedacht. Die Antwort „Ich habe dich nicht verstanden, erkläre mir das bitte noch einmal“, scheint nahezu unmöglich. Durchaus gewöhnungsbedürftig, doch in diesem Fall ist die Lösung schnell zu finden: wir zeigen einfach auf das gewünschte Produkt, das es natürlich gibt… Die altbekannte Situation, wenn man nach dem Weg fragt und einfach irgendwohin geschickt wird, erleben wir natürlich ebenso. Auch hier gibt es einen schnellen Ausweg: wir bedanken uns einfach für die Hilfe und fragen nach der nächsten Kurve noch einmal jemanden.Trickreicher wird es, als wir weiter nördlich in einem kleinen Hotel mit kostenlosem Wifi bleiben. Wie öfter mal in Asien, gibt es ein Problem mit der Verbindung. Jan bittet daraufhin an der Rezeption, den Router neu zu starten, um das Problem zu beheben. Unverstanden wird er mit großen Augen angeschaut, während mehrere Angestellte näher kommen, um zu sehen, was sich da abspielt. Der Frau an der Rezeption ist das nicht geheuer, vielleicht versteht sie auch nicht, was gemacht werden soll. Sich jedoch auf einen Konflikt einzulassen, würde klar einen Gesichtsverlust bedeuten. Die Lösung: wie auf ein unsichtbares Kommando verlassen alle ohne ein Wort den Raum und lassen einen verwirrten Jan zurück…
Wir merken uns also, dass das Wesen eines Thais für uns Europäer nicht immer leicht zu verstehen ist, aber da können wir uns ja anpassen. Schwieriger wird es mit offensichtlicher Doppelmoral: Schon eine entblößte Schulter, Umarmen oder Küssen in der Öffentlichkeit sind unziemlich, aber laut Dunkelziffer ist jede 10. Frau im Land Prosituierte, obwohl Prostitution eigentlich gesetzlich verboten ist… Die Umerziehung von Jungen zum anderen Geschlecht (sogenannte Kathoey oder Ladyboys), Homosexualität und Transsexualität, andernorts heikle Themen, werden hier wiederum gesellschaftlich größtenteils toleriert.

Auf unserem Weg entlang der Andamanensee erinnern wir uns an den verheerenden Tsunami, der 2004 das Land verwüstete. Wir wundern uns, wieso wir hier im Süden keinerlei Anzeichen von Schäden entdecken. Ein fahrradbegeisterter Lehrer, bei dem wir zu Gast sind, klärt uns schließlich auf, dass die hier im Süden noch weit verbreiteten Mangroven die gesamte vernichtende Energie der Wassermassen aufgehalten haben.

In der Provinz Trang entschließen wir uns, einige Tage auf einer Insel zu verbringen, immerhin gehören mehr als 500 Inseln zu Thailand. Wir entscheiden uns für Ko (dt. Insel) Mook, eine touristisch erschlossene, aber ruhige, noch recht unbekannte Insel inmitten einer Inselgruppe mit guten Möglichkeiten zum Schnorcheln. Dort wandern wir durch Kautschukplantagen und Dschungel mit mannshohen Blättern zu fast einsamen Stränden und erforschen die Unterwasserwelt. Auf einer lediglich von zwei Fischern bewohnten Felseninsel haben wir die Ehre, eine der inzwischen selten gewordenen Flughund-Kolonien zu beobachten.
Im Grunde genommen ist es ganz einfach, eine schöne Insel in Thailand zu finden: umso weniger man über die Insel in einem Reiseführer oder dem Internet lesen kann, umso schöner ist sie vermutlich. Beispielsweise Ko Phi Phi, die durch „The Beach“ weltbekannt wurde und ähnlich bekannte Inseln werden inzwischen von rücksichtslosem Tourismus erdrückt und können nur noch Urlaubern empfohlen werden, denen es reicht, sich für ein Foto an all den anderen Touristen und dem Müll vorbei zu dem einzig freien Fleckchen paradiesischem Strand zu drängen, das der schönen Kulisse des Reiseprospektes noch entspricht…

Einige Tage nach unserer Inselpause radeln wir unserem Reiseführer doch noch in die Falle, als wir in der Provinz Krabi ankommen. Hier soll es schwer zugänglich - ein Pluspunkt denken wir - Railay, den angeblich schönsten Strand der Welt geben. Die Rede ist von weißen Sandstränden, die von wunderschön geformten Felswänden einrahmt werden. Um dorthin zu gelangen, führt unser Weg durch Ao Nang, wo wir zunächst von den Hotelpreisen erschlagen werden, dann aber doch kostenlos vor einem schicken Hotel campen dürfen. Am Strand lassen sich die schönen, typischen Langboote mieten, um nach Railay zu kommen. Wir wollen es jedoch lieber ruhiger angehen lassen und entscheiden uns, statt der lauten, mit alten Automotoren ausgestatteten Boote, lieber für umweltfreundliche Seekajaks. Der Weg dorthin führt uns ohne jegliche Warnung in die größte Massagefabrik, die wir je gesehen haben. In langen Reihen liegen sonnengerötete, schwitzende und meist übergewichtige Touristen, die sich nach und nach durchwalken lassen – die berühmte thailändische Massage haben wir uns irgendwie romantischer und persönlicher vorgestellt. Schon umzingeln uns die eifrigen Anwerberinnen mit ihrem Kampfschrei „Massaasch!? Massaasch!?“. Eilig ergreifen wir die Flucht und können uns gerade noch in unser Kajak retten. Wenig später paddeln wir bereits um die Felsen der nächsten Bucht in friedlicher Stille – bis natürlich auf die ohrenbetäubenden Langboote und all die anderen Touristen, die ebenfalls die grandiose Idee hatten, ein Kajak zu mieten… Die Felswände stellen sich wirklich als ausnehmend schön heraus, kleine Höhlen und Engstellen lassen unsere Entdeckerherzen höher schlagen. An mehreren Klippen und Höhlen erkennen wir Seile – das Zeichen für eine ungewöhnliche Vorliebe einiger Asiaten. Hier werden Schwalbennester gesammelt, die später als Suppe in edlen Restaurants oder Erfrischungsgetränke in nicht wenigen Geschäften enden.
Als wir schließlich in die berühmte Bucht Railays einfahren, trauen wir unseren Augen nicht! Vor lauter weißer Körper und parkender Langboote ist es schwer, den Strand überhaupt auszumachen. Thailänder finden wir nur als Verkäufer oder Bootsführer – kein Einheimischer wäre so leichtsinnig, sich freiwillig der starken Sonne auszusetzen... Auf dem trüben Wasser, das die Taucherbrille wertlos macht, entdecken wir eine ölige Sonnencremeschicht und erkennen: das ist nicht mehr der schönste Strand der Welt…

Umso länger wir uns in Thailand bewegen, umso mehr kristallisiert sich für uns heraus, dass wir das Land gedanklich in zwei Teile teilen müssen. Im touristischen Teil erleben wir einen Verfall der Kultur und die Orientierung hin zum Materialismus. Freundlichkeit und Höflichkeit, die bislang als Markenzeichen dieses Landes galten, scheinen in der Zwischenzeit lediglich mit Geld erworben werden zu können. Im ländlichen Bereich, abseits der bekannten Sehenswürdigkeiten, entlang unbefahrener Seitenstraßen, inmitten der endlosen Kautschukplantagen oder in Restaurants versteckter Dörfer, lernen wir fröhlichere und freundlichere Menschen kennen. Wie schön, dass unsere Räder uns nicht nur nach A und B bringen, sondern uns auch die Geheimnisse dazwischen offenbaren! Dort versteckt findet sich noch immer das entschleunigte Thailand, für das die vielen, rege genutzten „Bambusliegehütten“ neben der Straße schon fast ein Symbol sind. Hier ist eben doch noch alles „Sabai Sabai“ (dt. Alles prima, alles wunderbar)!

Eine weitere Oase findet Jan weit entfernt vom Festland, als er sich für einige Tage von Karina verabschiedet, die alleine in Richtung Ostküste vorfährt. Für vier Tage erfüllt er sich einen Traum und tauscht in Khao Lak sein Fahrrad und unser einfaches Leben gegen ein unbeschwertes, für ihn inzwischen schon fast surreales Luxusleben auf einem Schiff ein, um in den abgelegenen Similan und Surin Nationalparks tauchen zu gehen.
Während einem Ausflug auf eine einsame Insel wandelt er 70 km vom Festland entfernt über den weißesten und feinsten Strand seines Lebens und durch unberührte Natur. Die Tauchgänge mit Riesenmantas, Barrakuda-Schwärmen, unzähligen Korallen und bunten Meeresbewohnern an so bekannten Stellen wie „Turtle Point“ oder Richelieu Rock“ brennen sich als unvergessliche Momente in sein Gedächtnis. Die thailändische Crew des Tauchbootes könnte kaum hilfsbereiter und freundlicher sein, das internationale Team der Tauchguides ist organisiert, kompetent und hat sich genau wie der Tauchshop dem Umweltschutz verpflichtet – was gab es an Thailand noch gleich zu kritisieren?
Zurück an Land, holt Jan die Realität wieder ein: die hunderten nächtlichen Lichter auf hoher See waren nicht die Küste, sondern unzählige Fischerboote, deren Besatzung doch arg vergesslich ist, entfallen ihr doch jede Nacht aufs Neue die Grenzen de
r Nationalparks…


Schon wenige Tage später, als wir wieder glücklich vereint sind, tauchen wir erneut (ein) - diesmal allerdings in die Lehren Buddhas. Schon in den vergangenen Wochen wurden wir immer wieder freundlich in Klöstern aufgenommen. Da es früher wenige Hotels gab, sind Reisende stattdessen behelfsweise in Klöstern aufgenommen worden. Diesen Brauch, unter Fahrradreisenden ein Geheimtipp, gibt es auch heute noch. Die meisten Tempel sind eine wahre Augenweide – und gleichzeitig Symbol für die Werteverschiebung im thailändischen Buddhismus. Prunk und Wirkung auf Andere scheinen an manchen Orten wichtiger als die Lehren Buddhas. Mönche haben einen riesigen Markt im Verkauf „magischer“ Amulette entdeckt, was ganz klar den Grundregeln des Buddhismus widerspricht.
Es gibt aber noch immer Orte, die sich mehr für die Lehren Buddhas interessieren, als für das Gold an ihren Statuen: Ein Beispiel dafür ist das Kloster Suan Mokkh, das der Mönch Buddhadasa Bhikkhu gründete, um den Buddhismus wieder auf das Wesentliche zu lenken. Genau dort schreiben wir uns für ein zehntägiges Schweige-Retreat ein, wo wir gemeinsam mit Menschen aus aller Welt in die Lehren Buddhas, das Meditieren und die Methode „Geistesgegenwart durch Atmen (Anapanasati) eingeführt werden. Jeglichen übrig gebliebenen Luxus tauschen wir gegen Holz- bzw. Steinbett und Holzkissen ein, stehen um 4:00 Uhr auf und konzentrieren unseren Geist auf Yoga, Thai Chi, Meditation, sowie fortlaufend auf unsere Atmung.

Als wäre es unser Wunsch, danach den größtmöglichen Gegensatz zu provozieren, erreichen wir schon wenige Tage nach dem Klosteraufenthalt die Millionenstadt Bangkok. Gerade noch bewegten wir unsin fast zeitloser Stille - nun müssen wir uns verdammt schnell bewegen, um nicht über den Haufen gefahren zu werden! Überall dichter Verkehr, Tuk Tuks, Abgase und wir mit unseren beladenen Rädern mitten drin. Mittendrin in der Stadt, die sich seit etlichen Wochen aufgrund der anhaltenden Proteste gegen die Regierung im Ausnahmezustand befindet. Lange fürchteten wir, deswegen in Schwierigkeiten zu kommen, immerhin mussten wir die Stadt betreten, um unsere Indienvisa zu beantragen. Tatsächlich unterscheidet sich das, was wir sehen grundlegend von dem, was die Medien zeigen. Zufällig stoßen wir auf die Protestlager, die eher Festival- als Terrorcharakter besitzen. Jegliche Straßenzüge, die wir sehen, verlaufen friedlich. Während der Visaantragsphase haben wir Zeit, Bangkok als Metropole zu nutzen, in der wir allerlei angehäufte Schreib- und Wartungsarbeiten, Arztbesuche und Einkäufe erledigen können.

Gut vorbereitet für Myanmar verlassen wir den Trubel Bangkoks und radeln über die historische und frühere Hauptstadt Ayuthayaan die Landesgrenze in Mae Sot. Hinter uns liegen zwei Monate in Auseinandersetzung mit unterschiedlichsten Weltanschauungen, in denen wir die 30.000 km Grenze überradelt und sicherlich dutzende Male unser Gesicht verloren haben - doch „Fareng“ (dt. Ausländern) verzeiht man gern...

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22. Bericht. Malaysia
(03.12.13 – 05.02.14/ 26.802 - 28.430 km/ 215.940 - 226.145 hm)

Kontraste, Schätze und ölige Geschäfte


Mit dem Betreten der Großstadt Johor Bahru an der Grenze zu Singapur tauchen wir in das zweite Land Südostasiens ein. Die Schilder um uns herum beweisen deutlich: nun sind wir im „richtigen“ Asien angelangt – denn wir verstehen nicht einmal mehr Bahnhof. Zwar verwendet Malaysisch glücklicherweise noch die lateinischen Buchstaben, der Inhalt bleibt uns jedoch
größtenteils verborgen. Lediglich moderne Worten klingen seltsam vertraut und schmunzelnd erinnern wir uns an den großen Einfluss der Briten auf die frühere Kolonie: Will man hierzulande an einem entfernten Ort einen Kopi mit Freunden trinken, bestellt man ein Teksi, das sollte vier Tayar besitzen, um fahrtüchtig zu sein, ansonsten nimmt man, so wie wir, lieber das Basikal. Alles klar?!
Gerade während der ersten Tage in einem neuen Land stellen sich uns immer wieder die gleichen Fragen: Wie sind die Grußworte hierzulande, die besonderen landestypischen Regeln und natürlich nicht zuletzt die Preise für Unterkünfte und Nahrungsmittel, damit wir nicht den allseits beliebten „Touristenaufschlag“ zahlen müssen. Unser Reiseführer hilft uns zu Beginn oft bei den ersten Schritten, meistens lernen wir jedoch von der einen oder anderen Begegnung auf der Straße weitaus
Wichtigeres.
Malaysia ist das erste muslimische Land auf unserer Reise. Etwa 60% der Bevölkerung gehören dem Islam an. Wir sehen viele
in Kopftuch gehüllte, teilweise sogar gänzlich in Burkas verborgene Frauen, fühlen uns in unserem Freiheitsgefühl jedoch in keinerlei Hinsicht eingeschränkt, wie man es vielleicht erwarten würde.

Unser erstes Ziel ist eine Insel im Osten des Landes, die uns als richtiges Ambiente für Karinas
baldigen Geburtstag erscheint. Als wir bereits die Hälfte der Strecke zurückgelegt haben, übernachten wir in einem Zimmer mit Fernseher. Aus reiner Neugier, mal Malaysisches Fernsehen zu sehen, schalten wir eine Nachrichtensendung ein. Die Schlagzeilen des Tages spielen sich keine 5 km von uns entfernt ab! Verdutzt erfahren wir, dass riesige Flächen im Osten des Landes aufgrund starker Regenfälle überflutet sind – mehr als 40.000 Menschen wurden bereits evakuiert – bei uns regnet es nicht einmal… Wir ändern also unsere Route in Richtung Kluang, einer wirklich unspektakulären, ruhigen Stadt, die nun ersatzweise Ausrichter Karinas Geburtstagsparty wird. Nach nun schon zwei Geburtstagen fern ihrer Freunde und Familie ist ihr sowieso wichtiger, der Heimat durch Internetverbindung ein wenig näher zu sein. Auch um unsere Reiseerlebnisse wieder einmal etwas aufzuarbeiten, mieten wir uns also für fast zwei Wochen ein winziges Zimmer. Der Hotelbesitzer beweist uns seine Freundlichkeit, als er unerwartet mit einer Pizza als Geburtstagsgeschenk vor unserer Zimmertür steht! Ein schönes Beispiel übrigens für die Freundlichkeit der Menschen hierzulande. Wie wohl überall auf der Welt, werden wir noch herzlicher aufgenommen, wenn wir versuchen, uns der Landessprache zu bedienen.
Während der kommenden,
ruhigen Tage findet sich in Arbeitspausen ausreichend Zeit, bei Spaziergängen durch den Ort immer mehr über Malaysia zu lernen. Gerade durch die Teilnahme am „normalen Leben“ erfahren wir wahrscheinlich deutlich mehr, als man an touristischen Orten mitbekommen mag.
Noch vor nur 20 Jahren war der Ort von zahlreichen Flughunden bevölkert (daher der Ortsname:
Kluang = Flughund), durch den Städtebau, die gezielte Jagd, vor allem aber durch die immer größeren Palmölplantagen ist nicht mehr einer in dieser Region zu finden. Allein Malaysia und Indonesien liefern 87% der weltweiten Produktion von Palmöl, dem am häufigsten genutzten Öl der Welt. Dafür wurde ein Großteil des Dschungels abgeholzt und die dort lebenden Tiere vertrieben oder getötet. Trotz immer größerer Proteste der Weltöffentlichkeit werden auch heute noch in Borneos Plantagen die wenigen verbleibenden Orang-Utans teilweise mit Flammenwerfern gejagt – sie gelten als Störung des Arbeitsablaufes... Eine der wenigen großen Arten, die sich an den Raubbau an der Natur anpassen konnte, ist die des Bindenwarans. Mehrere der bis zu drei Meter langen und damit längsten Warane der Welt, finden wir sogar an einem Bach inmitten der Stadt.

Ein weiteres Lernfeld bietet die enorme Vielfalt des Essensangebotes, welches sich aus der Vielzahl der hier angesiedelten Kulturen ergibt. Ob einen nun malaysisches, chinesisches
, indisches oder thailändisches Essen interessiert, hier kommt jeder auf seine Kosten. Wir essen z.B. jungen Farn, Fladenbrote (Roti und Naan) mit Linseneintopf, gedämpfte Knödel, scharfe Soßen und natürlich viel Reis. Schnell müssen wir, seit einiger Zeit Vegetarier, jedoch lernen, dass getrocknete Sardinen nicht als Fisch, sondern als Gewürz gelten und anscheinend äußerst gerne verwendet werden…
Nach dem langen Aufenthalt an einem Ort treibt es uns schnell voran in Richtung der Hauptstadt Kuala Lumpur. Landschaftlich besitzt der Großteil der Strecke leider wenig Charme! Kaum ein Quadratmeter wird nicht für
den Palmölanbau verwendet und Umweltverschmutzung sowie Gestank toppen sogar unsere Erfahrungen in Honduras. Manchmal ist es wirklich schade, dass Atmen verpflichtend ist! Einen Lichtblick hingegen stellt der immer wieder freundliche Kontakt mit Menschen dar.

Kuala Lumpur bietet für jeden Geldbeutel etwas Passendes. Wie in vielen Hauptstädten entsteht so ein krasser
Gegensatz zwischen Arm und Reich in direkter Nachbarschaft. Neben angenehm gekühlten Restaurants und riesigen Shoppingmalls finden sich schmierige Gassen und etliche Bettler. Wir besuchen Chinatown mit der bekannten Petaling Straße, die tagsüber von Touristen, nachts von Müll verstopft ist, die Märkte Little Indias und das Wahrzeichen der Stadt, die Petronas Towers des gleichnamigen Mineralölkonzerns. Malaysia ist wirklich ein Land der Vielfalt und Kontraste!
Währenddessen nähert sich das Weihnachtsfest, doch viel mehr als einige geschmückte Plastiknadelbäume in der Nähe von Einkaufszentren finden wir nicht. Zwar verbringen wir nun schon den zweiten „Winter“ in den Tropen, aber irgendwie klappt es immer noch nicht, bei schwülen
35°C besinnlich zu werden.

Eine kurze Erholung vom Gestank und Verkehrsstaub der Stadt bieten uns die nahen Kanching Wasserfälle. Auch dort kennt zwar niemand den Verwendungszweck eines Mülleimers, doch mit jeder Stufe des terrassenförmigen Flusses auf den Berg finden wir mehr und mehr unberührte Natur und schließlich kristallklares Wasser, das sogar zu einem Bad einlädt.

Ein weiteres Highlight Kuala Lumpurs bieten die Batu Caves, einem bis zu hundert Meter hohen Kalksteinhöhlensystem, das als hinduistischer Tempel und Spielplatz hungriger, auf Plastiktüten spezialisierter Makakenaffen verwendet wird. Vorbei an der eindrucksvollen, 42 Meter hohen, goldenen Statue der hinduistischen Gottheit Murugan, führen steile 272 Stufen ins Innere. Ob uns nun ein Opferritual
, bei dem Milch, Kokosnüsse, Reis und Farben über einen Speer geschüttet werden, befremdlicher vorkommt, als  Affen, die Cola-Dosen klauen, öffnen und dann gierig trinken, können wir nicht entscheiden. Klar ist jedoch, dass die Höhlen während des Thaipusam Festivals die meisten Besucher anlocken. Lange Prozessionen ziehen dann zu den Höhlen, als Glaubensbekenntnis opfern viele Pilger ihre Haare, Menschen tanzen sich in Ekstase, einige stechen sich in Trance sogar Metallstäbe durch die Haut oder kasteien sich auf andere Weise.

Als wir die Stadt verlassen, freuen wir uns, endlich wieder in Richtung unberührterer Natur zu fahren. Unser Ziel ist der Nationalpark „Taman Negara“, dessen äußerst kreativer Name übrigens „Nationalpark“ bedeutet. Dieser „Nationalpark Nationalpark“ beherbergt den mit mehr als 130 Millionen Jahren vermutlich ältesten Dschungel der Erde, da hier im Gegensatz zu anderen Dschungelgebieten äußerst
konstante Klimabedingungen herrschen. Schon die Bergstraße nordöstlich von Kuala Lumpur bringt uns ins ersehnte Grün und stellt für uns den bisher schönsten Straßenabschnitt des Landes dar. Ziemlich schnell sind wir dann aber wieder von endlosen Palmenplantagen umgeben, die erst mit der Grenze des Nationalparks zurück bleiben.
Auch hier hat die Flut vor zwei Wochen massive Schäden angerichtet und mehrere Häuser weggeschwemmt. Ein Hotel, das zwar kurzzeitig zu einer Insel wurde, aber glücklicherweise das Hochwasser unbeschadet überstanden hat, erklärt sich freundlicherweise bereit, auf unsere Sachen aufzupassen, so dass uns der Dschungel für mehrere Tage verschlucken kann. Wir hätten niemals gedacht, bei einer Wanderung gerade mal
zwei Kilometer pro Stunde zu schaffen und trotzdem wie in der heißesten Sauna zu schwitzen. Die Luft ist so feucht, dass wir die Tröpfchen in der Luft sehen können! Der schmale Pfad verschwindet immer wieder unter umgestürzten Bäumen und ist zwischen der grünen Wand aus Pflanzen manchmal nur durch systematische Suche und einen guten Orientierungssinn zu finden. Ob wir doch den wärmstens empfohlenen Führer hätten nehmen sollen?! Auf jeden Fall verstehen wir nun sehr gut, wie leicht man sich im Dschungel beim kleinsten Fehler hoffnungslos verlaufen kann. Weitaus mehr Sorgen machen wir uns jedoch um unsere Beine: Jeder unserer Schritte wird genauestens von Landegeln verfolgt, die zu tausenden in Richtung unserer Körperwärme kriechen, um unser Blut zu saugen. Ein deutsches Pärchen, das uns vor einigen Tagen begegnete, blutete aus dutzenden Wunden und war so eine wirkungsvolle Warnung für uns. Eine doppelte Lage Socken, die wir über die Hosenbeine ziehen, schützt uns zumindest kurzzeitig, bis wir die Parasiten entfernen können. Einige schaffen es dann doch, sich durch die Socken zu bohren und lange blutende Wunden zu beißen.
Vorbei an Bäumen mit riesigen Brettwurzeln dringen wir immer tiefer in den Urwald ein, wo Elefanten, Großkatzen und Tapire leben. Unsere Nächte verbringen wir geschützt in hohen Schutzhütten für Wildbeobachtung neben nächtlich leuchtenden Augen und ganz nebenbei nähert sich auf leisen Sohlen das Neujahr.


Zurück auf den Rädern steuern wir die über 1000 m hohen Cameron Highlands an und trinken – seit Wochen das erste Mal in angenehmerem Klima – direkt neben malerischen, mit leuchtend grünen Teepflanzen bedeckten Hügeln Schwarztee.


Zunehmend erreichen uns Nachrichten aus Thailand über Proteste gegen die Regierung. In der Hauptstadt habe es bereits mehrere Tote gegeben und inzwischen sei der Notstand ausgerufen worden. Aus diesem Grund entschließen wir uns, möglichst wenig Zeit in Bangkok zu verbringen und das Visum für Myanmar nicht dort, sondern lieber in Kuala Lumpur zu beantragen. So lassen wir unsere Räder in der nördlich gelegenen Stadt Ipoh und fahren mit dem Zug zurück zur Hauptstadt.

Es erweist sich als ein wenig komplizierter
als erwartet, doch nach einer weiteren Woche sind wir berechtigt, über die erst vor wenigen Monaten geöffnete Grenze von Thailand nach Myanmar auf dem Landweg einzureisen. Zwangsaufenthalte wie dieser werden sich wohl von nun an häufen. Im Gegensatz zum amerikanischen Kontinent, in dem das Visum bei Einreise gängig ist, verlangen viele asiatische Länder die vorherige Beantragung eines Visums.
Eine interessante Entschädigung für die Wartezeit liefert uns das chinesische Neujahr, das wir nun doch noch miterleben dürfen. Die aufwendige Zeremonie vor den kunstvollen chinesischen Tempeln, zu der wir freundlich eingeladen werden, beinhaltet einen akrobatischen Tanz mehrerer Menschen in Löwenkostümen, meterhohe Räucherstäbchen, eine Menge Geschenke für die Verstorbenen (damit sie es im Jenseits gut haben) und natürlich den obligatorischen Knallern.


Zum Abschluss Malaysias einigen wir uns auf einen Umweg über die Touristeninsel Langkawi direkt an der thailändischen Grenze. Karina hat Gutes gehört, Jan fürchtet Touristenfallen, Zeitverschwendung und fehlende Natur. Glücklicherweise behält Karina Recht: Auch wenn tatsächlich wahre Touristenströme zur Insel pilgern, finden wir dort idyllische Strände und viel Grün. Ein Sonderstatus gestattet der Insel Steuerfreiheit, wodurch Schnäppchenjäger angelockt werden und der sonst im Land so teure Alkohol erschwinglich wird.

Für einige Zeit fühlen wir uns bei Straßenmusik und neuen Bekanntschaften im internationalen Backpacker-Ambiente wohl, dann zieht es uns wieder zurück ins Unbekannte, zu unserem Vorhaben und dem weiteren Weg der Heimat entgegen. So betreten wir schon bald in Thailand erneut Festland.